Die Schicht auf Jamal

Mit ihren unermäßlichen Vorräten an Erdöl und Erdgas steht die Halbinsel Jamal unter den Regionen Russlands ganz souverän da. Seit 30 Jahren kommen die Mitarbeiter der Spetsgazavtotrans (51-prozentige Tochtergesellschaft der Gazprom) ihrem Produktionsauftrag nach – dies unter den Witterungs- und Klimabedingungen, die für einen ständigen Aufenthalt des Menschen gänzlich ungeeignet sind.

Bereits in den 80er Jahren vergangenen Jahrhunderts umorganisierten alle Unternehmen der russischen Erdöl- und Erdgasbranche im Zuge der Erschließung des Hohen Nordens ihre Arbeit nach dem Fly-in Fly-Out-Verfahren – war und bleibt doch der Weg zu dem jeweiligen Standort und zurück sehr lang. Das Besondere an dem Verfahren ist, dass die Beförderung von Mitarbeitern zu einem konkreten Standort in jedem Einzelfall auch einzeln konzipiert wird.

Auch wir wollten einmal den ganzen Weg zurücklegen, den die Mitarbeiter der Gazprom-Tochter Spetsgazavtotrans bis zum Erdöl- und Gaskondensatvorkommen Nowoportowskoje an der Ostküste der Halbinsel Jamal auf sich nehmen müssen.

11. Februar 2015, 6 Uhr morgens im Flughafen Ischewsk.

Am Schalter steht die neue Schichtbesetzung, Menschen aus verschiedenen russischen Städten, so aus Magnitogorsk, Tschaikowski, Wotkinsk, Sarapul, Igra und Ischewsk.

Dispatcherin Olesya Yegorina ist zuständig für die Organisation eines reibungslosen Abflugs des Schichtpersonals aus der Udmurtiens Hauptstadt Ischewsk.

Die Schichtleute nehmen nicht nur ihre persönlichen Sachen, sondern auch Ersatzteile und Werkzeug bis hin Satellitenschüssel, die für eine richtige Freizeitgestaltung unentbehrlich sind, mit.

Der Charterflug Ischewsk – Flughafen Mys Kamenny wird von der Fluggesellschaft Izhavia, die mit der Spetsgazavtotrans seit über 30 Jahren erfolgreich zusammenarbeitet, ausgeführt.

Mit den ersten Flügen für Soyusgazavtotrans – so hieß das Unternehmen Spetsgazavtotrans zur Zeit der Sowjetunion – wurde übrigens schon im Jahre 1985 begonnen, als damals für den Ausbau der Lagerstätte Jamburgskoje nicht nur Mitarbeiter des Unternehmens, sondern auch schwere Kipper vom Typ KrAZ-256 eingeflogen werden mussten.

Die Strecke von 1.700 Kilometer Länge wird von einem An-24 beflogen – kein Riesenflugzeug, dafür sicher und mit angemessenem Flugkomfort. Die Flugzeit beträgt etwas mehr als fünf Stunden mit einer Landung zum Auftanken auf dem Flughafen Njagan.

Der Anblick lässt ein Paar Zeilen von Wladimir Wyssozki im Gedächtnis auftauchen:

„Der Norden, der Wille, die Hoffnung – das Land ohne Grenzen,

Der Schnee ohne Schmutz – gleich langem Leben ohne Lügen.“

Die Start- und Landebahn des Flughafens Mys Kamenny liegt auf einer Sandnehrung des Obbusens. Der Flughafen besteht hier eigentlich seit März 1947, der Fluggastbetrieb durfte jedoch erst 1959 aufgenommen werden.

Die Gepäckausgabe im Modus der Selbstbedienung.

Ab jetzt geht es mit einem geländegängigen Bus für Schichtpersonal auf der Winterstrasse zum Vorkommen Nowoportowskoje.

Die Strecke vom Flughafen bis zum Zielstandort beträgt etwas mehr als einhundert Kilometer. Diese zu bewältigen, kostete uns jedoch fast genauso viel Zeit, wie der Flug von Ischewsk nach Mys Kamenny.

Wir sind am Ziel. So sieht das Wohnwagen-Städtchen auf dem Förderfeld-Stützpunkt an dem Erdöl- und Gaskondensatvorkommen Nowoportowskoje aus.

Eine einmalige Chance, die wir auf keinen Fall verpassen wollten: Wie steht es denn mit dem Ausbau der Lagerstätte? – Spetsgazavtotrans baut hier einen Wohnkomplex für Schichtbesetzung und einen Förderfeld-Stützpunkt, schüttet Clusterplätze und Zufahrtstrassen auf.

Die Hauptverantwortung fürs Baugeschehen lastet gewiss auf den Schultern des Managements des Unternehmens Technologische Beförderungsmittel und Spezialtechnik Tschaikowski – einer Filiale der Spetsgazavtotrans. Anatoly Karpov, stellvertretender Direktor der Filiale Produktion, arbeitet an diesem Standort vom ersten Tag an, und kennt sich in sämtlichen Produktionsfragen bestens aus: „Das Anfangen an einem neuen Standort fällt immer schwer.“

Genaue Erledigung von Produktionsaufgaben hängt in vielerlei Hinsicht auch vom Bauleiter Vasily Korobeynikov ab. Ein Bauleiter findet sich in den Unterlagen gut zurecht, ist praktisch gründlich bewandert und ist fähig, Mitarbeiter zu führen.

Der Hauptteil des Wohnheims im Wohnkomplex für Schichtpersonal wurde von Spetsgazavtotrans noch im November 2014 seiner Bestimmung übergeben. Nun genießen die Mitarbeiter von Gazprom Neft (dieses Unternehmen beschäftigt sich mit der Erschließung des Vorkommens) hohen Wohnkomfort in diesen modern gebauten Häusern. Eine Kantine, ein Fitnessraum, ein Sanitätsraum mit Isolierzimmer sowie weitere notwendige Räumlichkeiten stehen den Gästen zur Verfügung.

Auf dem Gelände des Förderfeld-Stützpunkts sind zwei vertikale Stahlbehälter vom Typ RWS-2000 zum Lagern von Dieseltreiböl montiert.

Warmlagerbaustelle auf dem Förderfeld-Stützpunkt.

Um das Auftauen des Permafrostbodens unter dem Warmlager im Sommer zu verhindern, wurde ein System zur thermischen Bodenstabilisierung, eine Art Kühlanlage, installiert.

Der Innenraum des künftigen Warmlagers.

„Fachkräfte sind das höchste Gut unseres Unternehmens“, – sagt der Abschnittsleiter Andrey Gerasimov überzeugt. Im Gespräch mit uns gab er zu, er habe sich ziemlich lange an die Arbeit nach dem Fly-in Fly-Out-Verfahren gewöhnen müssen. Heute könne er nicht anders, weil es nunmehr ein Stück seiner Lebensweise geworden sei.

Der Isolierer Sergey Ogleznev kam zu Spetsgazavtotrans 2004, in der Erdöl- und Erdgasbranche arbeitet er aber seit gut 1986. Auf unsere Frage, ob ihm die Arbeit Spaß mache, folgte eine kurze Antwort: „Ich habe mich an die Arbeitsbedingungen im Felde gewöhnt, und der Frost stört mich in keiner Weise.“

Im Norden gibt es keine Kleinigkeiten, denn eine noch so harmlose Fahrlässigkeit kann mitunter bittere Folgen haben. Daher schließen die Montagearbeiter auch in geringer Höhe ihre Sicherheitsgürtel, dies in voller Übereinstimmung mit den Sicherheitsrichtlinien.

Wird auf Permafrostboden gebaut, gilt es, von der Erde sozusagen „abzuheben“, das heißt Pfahljoche zu rammen, worauf dann die Pfahlroste (das Oberteil der Pfahl- bzw. Pfeilergründung) und die Stahlkonstruktionen montiert werden. In diesem Arbeitsabschnitt haben die Schweißer das Sagen.

Der Schweißer Salavat Saidullin.

Der Schweißer Andrey Andreyev.

Der Schweißer Nikolai Fefilov.

Man sagt, der Jugend von heute sei die Arbeit im Norden mit keinem noch so leckeren Zuckerbrot schmackhaft zu machen. Das stimmt nicht. Wir sahen hier viele junge Leute – der Schweißer Vyacheslav Goikov (30 Jahre alt) ist einer von ihnen.

Anders der Montagearbeiter Rauf Saifullin – er hat schon etliche Baustellen unter den extrem rauen Bedingungen hinter sich, konnte nichtsdestotrotz seine Liebe für den Norden an seinen Sohn weitergeben.

Ruslan Saifullin entschied sich auch für den Beruf Montagearbeiter, und arbeitet heute zusammen mit seinem Vater.

20 Kilometer vom Förderfeld-Stützpunkt entfernt, schütten die Mitarbeiter von Spetsgazavtotrans Clusterplätze und Zufahrtstrassen hierzu auf. Zwei Filialen des Unternehmens sind hier gleichzeitig im Einsatz – Verwaltung Vertragsbauleistungen und Technologische Beförderungsmittel und Spezialtechnik Tschaikowski.

Das ganze Baugebiet ist eine Fläche mit unzähligen Seen und Mooren, sodass die Aufschüttung der Clusterplätze und Zufahrtstrassen nur im Winter möglich ist. Für die Böschungsbefestigung ist der Sommer reserviert.

Der Bau von Straßen auf der Halbinsel erfolgt in schichtweiser Bodenschüttung. Das Schüttmaterial kommt aus den dem Unternehmen zugewiesenen Tagebauen.

Zu den Hauptaufgaben von Sergey Petrayev, Leiter des Kipperbetriebs Nr. 3, gehört die Sicherstellung eines reibungslosen Einsatzes der Kraftfahrzeuge.

Bei der Bodenschüttung auf den Clusterplätzen nehmen die Geodäten alle 30 Zentimeter schichtweiser Einmessungsriß vor, um sicherzustellen, dass der Platz streng söhlig ist. Auf dem Bild: der Vermesser Anton Vorobyov.

Antons Kollegen, die Vermesser Vladimir Matte und Alexander Danilov, die für den Einmessungsriß gleichermaßen zuständig sind, stehen 100 Meter weit vom künftigen Clusterplatz.

Beide, Vladimir wie Alexander, fürchten weder die Minus 30 Grad noch den Wind.

Es ist Zeit, wir müssen uns auf den Rückweg machen. Zusammen mit Schichtleuten, die auf das Festland zurückrotieren, eilen wir in Richtung Flughafen Mys Kamenny. Während unseres Aufenthalts an der Lagerstätte wurde die Straße stark verweht, und die gleichen 100 Kilometer kosteten uns diesmal mehr als 6 Stunden Zeit.

 

Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, als wir die Siedlung Mys Kamenny erreichten. Der Fahrer Mikhail Shenin (hier auf dem Bild) nimmt ein neues Team aus Schichtleuten an Bord, und macht sich auf den Rückweg.

Und wir… wir sind in einigen Stunden wieder zuhause.

Ruslan Maslovsky, Alexander Burtsev, Nikolai Syuvaev (DOAO Spetsgazavtotrans – Tochtergesellschaft der OAO Gazprom) und der Redaktion der Gazprom-Webseite vorbereitet

Fotos von größerem Format finden sich im Fotoalbum.

 

P. S: Kurze Videoimpressionen von unserer Reise:

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