China erstickt ohne russisches Gas

Fotos können unter Quellenangabe verwendet werden.

19. Juni 2013
Der Beitrag wurde in der Nummer 6 der Gazprom Korporationszeitschrift veröffentlicht

Anfang dieses Jahres wurden 30 Prozent des Territoriums Chinas (einschließlich der Landeshauptstadt Peking) für mehrere Wochen durch dichten Smog eingehüllt. Die Luftverschmutzung erreichte stellenweise das 40fache des für das Leben ungefährlichen Niveaus. In der Zone der Umweltkatastrophe war die Sterberate jählings gestiegen. Um die Mengen schädlicher Emissionen zu reduzieren, stellten in China Industriebetriebe die Produktion ein. Im Ergebnis unternahm die chinesische Führung eine Reihe von Schritten zur beschleunigten Unterzeichnung des Vertrags über die Lieferung von russischem Gas nach China.

Kohle und Kraftfahrzeuge

Momentan deckt China rund 70 Prozent seines Bedarfs an Elektroenergie durch eigene Kohlenförderung ab. Die VR China ist hinsichtlich des Umfangs der Kohlenverbrennung weltweit führend. Das ist eben die Ursache für die Umweltkatastrophen in chinesischen Großstädten. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank liegen die schmutzigsten Städte der Welt gerade in China. In allen anderen Ländern sind die Autos Hauptverursacher der Luftverschmutzung in den Städten. China besitzt, gemessen an der Größe seiner Bevölkerung, lediglich ein 20stel der Anzahl der Fahrzeuge in den USA, und Hauptquelle der Verseuchung sind eben Kohlekraftwerke. Indes prägte sich in China durch anhaltendes wirtschaftliches Wachstum ein Mittelstand heraus, weshalb wächst in diesem Land seit mehreren Jahren stürmisch der. Gegenwärtig werden in China jedes Jahr mehr Autos als in einem beliebigen anderen Land der Welt verkauft. Das bedeutet, dass chinesischen Städten bald die Luft zum Atmen gänzlich fehlen wird.

Dieses Problem lässt sich durch die Umstellung von Kohlekraftwerken auf das vielfach umweltfreundlichere Erdgas und von Kraftfahrzeugen auf Gasmotorkraftstoff lösen. Wenn wir Euro-4-Benzin als Eichmaß nehmen, zeigt sich, dass komprimiertes Erdgas, gemessen an Emissionen, bei Stickstoffoxid nahezu dreimal, bei CH 14mal, bei Benzopyren mehr als 16mal, bei Kohlenstoffoxid 12,5mal und bei Ruß dreimal (im Vergleich zu einem Dieselfahrzeug –100mal) umweltfreundlicher ist. Die Chinesen verstehen das aus dem Effeff, deswegen verwenden bereits mehr als 1,5 Millionen Autos in China Gas als Motorkraftstoff, und die Anzahl solcher Fahrzeuge vergrößert sich zügig.

2012 importierte China 14,68 Millionen Tonnen LNG gegenüber den 12,21 Millionen Tonnen im Jahr davor (Steigerung um 20,3 Prozent). Der durchschnittliche LNG-Einkaufspreis stieg für die VR China auf 560 Dollar je Tonne (von den 472 Dollar 2011). Somit zahlt China für Gas keineswegs weniger als die europäischen Kunden von Gazprom.

China steigert den Einkauf von verflüssigtem Erdgas (LNG) in stürmischem Tempo. 2012 importierte es 14,68 Millionen Tonnen LNG gegenüber den 12,21 Millionen Tonnen im Jahr davor (Steigerung um 20,3 Prozent). Im vorigen Jahr vergrößerte sich der durchschnittliche LNG-Einkaufspreis für die VR China auf 560 Dollar je Tonne (gegenüber den 472 Dollar 2011). Somit zahlt China für Gas keineswegs weniger als die europäischen Kunden von Gazprom. In diesen Verhältnissen gewannen die Verhandlungen über die Lieferung größerer Gasmengen aus Russland nach China an Intensität. Ende Februar traf sich der stellvertretende Vorsitzende des Gazprom-Vorstands Alexander Medvedev in Peking mit dem Vorsitzenden des Board of Directors der China National Petroleum Corporation (CNPC) Jiang Jiemin und dem Vizepräsidenten der CNPC Wang Dongjin. Gazprom und CNPC vereinbarten eine Intensivierung der Verhandlungen über russische Erdgaslieferungen über die „Ostroute“ (anvisiertes Jahresvolumen: 38 Milliarden Kubikmeter) mit dem Ziel, einen Kaufvertrag bis Ende 2013 zu unterschreiben. Im März besuchte der neue Staatspräsident der VR China, Xi Jinping, Moskau; er bekräftigte die Absicht seines Landes, umfangreiche Gaseinkäufe in Russland zu starten. Als Lieferbeginn ist das Jahr 2018 anvisiert. In Zukunft kann der Lieferumfang auf 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich anwachsen.

Schiefergas

In letzter Zeit bieten westliche Gesellschaften China ihre Technologien zur Förderung von Schiefergas an. Bislang wurde in China allerdings kein Schiefergas gewonnen. Außerdem wies eine Reihe chinesischer Spezialisten darauf hin, dass für die Förderung von Gas aus Schiefergestein durch hydraulische Frakturierung große Mengen an Wasser benötigt werden, während die VR China Probleme mit Wasser hat. Wegen der Verunreinigung durch die Industrieabfälle ist mehr als die Hälfte der Wasserressourcen dieses Landes zum Trinken und ein Drittel nicht einmal zur industriellen Nutzung geeignet. Viele Flüsse verschwanden vom Erdboden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass dem für hydraulische Frakturierung verwendeten Wasser spezielle chemische Lösungen beigesetzt werden, die auf mehreren Territorien der USA bereits zur Verseuchung des Grundwassers führten.

Ein weiteres Problem der Gasgewinnung aus Schiefer besteht darin, dass diese Fördermethode Erdbeben provozieren kann. In China kommt es ohnehin zu starken unterirdischen Stößen, die zahlreiche Zerstörungen und Menschenopfer verursachen. Die Einwohner dieses Landes werden wohl kaum Verfahren mit Begeisterung aufnehmen, die solcherart Folgen bewirken können

Es ist auch notwendig zu begreifen, dass Schiefergas wesentlich teurer als herkömmliches Gas ist. In den USA sind es rund 150 – bis 200 Dollar je tausend Kubikmeter und in Großbritannien 350 – bis 400 Dollar. In Polen scheiterte die amerikanische Exxon bei ihren Versuchen, aus Bohrungen einen für den Start industrieller Förderung ausreichenden Zustrom an Gas zu erzielen. Vorliegenden Schätzungen zufolge werden die Gestehungskosten von chinesischem Schiefergas näher an britischen, als an amerikanischen Zahlen liegen, sodass sich hier wohl keine großen Erfolge erwarten lassen. Es sei daran erinnert, dass laut Prognosen von Gazprom Export der durchschnittliche Preis von russischem Erdgas in Europa 2013 pro tausend Kubikmeter 370 Dollar betragen wird.

Es wäre schwer zu erwarten, dass amerikanisches Schiefergas ein großes Exportpotential als LNG besitzt. Es liegt daran, dass die Gasförderung in den USA seit Ende vorigen Jahres zurückging und diese Tendenz auch Anfang des laufenden Jahres bestehen blieb. Als Hauptfeind von Schiefergas erwies sich das Schiefergas selbst, da die steigende Förderung die Gaspreise abstürzen ließ. Da Schiefergas im Endergebnis unter dem Selbstkostenpreis verkauft werden musste, ging in der Gasindustrie der Umfang der Bohrungen stark zurück. Ende Mai waren in der Gasindustrie lediglich 340 Bohranlagen im Einsatz. Dies ist der niedrigste Stand seit 1999. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Jahre 2007–2008 waren es etwa 1 500 Bohranlagen. Die „Schieferblase“ wird bald platzen, Schiefergas fördernde Unternehmen der USA werden massenweise Insolvenz anmelden, und große Gesellschaften werden Verluste in Milliardenhöhe abschreiben müssen. Es kann innerhalb kürzester Zeit erwartet werden, dass die eigene Schiefergasförderung in diesem Land abrupt sinkt und die USA gezwungen sein werden, Gaseinkäufe aus anderen Ländern zu steigern.

Ostprogramm

Das Memorandum über die Lieferung von 68 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr über die „West-„ und die „Ostroute“ wurde zwischen Gazprom und der chinesischen CNPC bereits vor einigen Jahren unterschrieben, doch es ist bislang noch nicht geschafft, den Status eines gültigen Vertrags zu erlangen. Über all diese Zeit versuchten die Chinesen, für sich einen Preis auszuhandeln, der niedriger wäre als der für die europäischen Kunden von Gazprom. Es sieht aber so aus, als würden sie bald die Preiskonditionen des russischen Konzerns akzeptieren müssen. Saubere Luft ist allen notwendig – den Armen des Landes wie auch seinen Spitzenrepräsentanten.

In letzter Zeit steigt der Gasverbrauch in der VR China sehr rasch. Verbrauchte China 2006 noch 56 Milliarden Kubikmeter Gas, so waren es 2012 bereits rund 150 Milliarden Kubikmeter. Lauf Prognosen von LUKOIL-Analytikern kann der Gasverbrauch in China in zehn Jahren 800 Milliarden Kubikmeter erreichen.

In letzter Zeit steigt der Gasverbrauch in der VR China sehr rasch. Verbrauchte China 2006 noch 56 Milliarden Kubikmeter Gas, so waren es 2012 bereits rund 150 Milliarden Kubikmeter. Lauf Prognosen von LUKOIL-Analytikern kann der Gasverbrauch in China in zehn Jahren 800 Milliarden Kubikmeter erreichen. Dies geht in starkem Maße darauf zurück, dass China seit einigen Jahren eigene Dampfgasanlagen zur Energieerzeugung baute, die wesentlich preiswerter als die deutschen sind. Die VR China besitzt nun das erforderliche Werkzeug für großangelegte Umstellung seines Energiesektors auf Gas. Werden doch widrigenfalls Umweltprobleme hier nur an Ausmaß gewinnen.

Gazprom ist bereits dabei, die Infrastruktur für Gaslieferungen auszubauen. 2011 wurde die Ferngasleitung Sachalin–Chabarowsk–Wladiwostok in Betrieb genommen. 2017 soll die Gasförderung auf dem Vorkommen Tschajandinskoje in Jakutien anlaufen. Wie allgemein bekannt, verfügt Russland über die größten Erdgasvorräte der Welt, deswegen ist eben unser Land in der Lage, den langfristigen Bedarf Chinas abzudecken. Gleichzeitig wird Russland bei der Modernisierung seiner eigenen Wirtschaft wesentlich vorankommen können. Die Regierung der Russischen Föderation billigte das Programm zur Schaffung eines einheitlichen Systems für Gasförderung (Östliches Gasprogramm), -transport und -versorgung in Ostsibirien und im russischen Fernen Osten, das die Verarbeitung der gesamten geförderten Gasmenge voraussetzt. Daraus soll Helium, Ethan, Propan, Butan usw. gewonnen werden. Gazprom ist dafür zuständig, diese Arbeit zu koordinieren.

Laut Prognosen werden die Länder Europas und der Asiatisch-Pazifischen Region in großen Mengen Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid u. a. m. importieren, da ihnen eigene Rohstoffe für deren Produktion fehlen. Im Ergebnis wird Russland nicht nur den Bedarf seines Binnenmarktes befriedigen, sondern auch zu einem Großexporteur von Produkten der Gaschemie avancieren können. Große internationale Konzerne werden möglicherweise mit der Zeit erkennen, dass es für sie günstiger wäre, diese Produkte aus Russland nicht mehr zu importieren, dafür aber hier vor Ort eigene Produktionskapazitäten für High-Tech-Produkte aufzubauen.

Um volle Abhängigkeit von China zu vermeiden, sieht Russland auch Zusammenarbeit mit Japan und der Republik Korea vor. Diese Länder kaufen bereits verflüssigtes Erdgas aus dem Sachalin-II Projekt. 2018 soll eine Anlage zur LNG-Erzeugung im Raum Wladiwostok anlaufen. Somit hat Russland alle Chancen, führender Spieler auf dem Markt der Asiatisch-Pazifischen Region zu werden.

Sergey Pravosudov