Interview von Alexey Miller mit russischen Medien

Fotos können unter Quellenangabe verwendet werden.

1. September 2015

Frage: Herr Miller, wie sieht die Situation mit der Ukraine aus?

Alexey Miller: Wie sie wissen, verfügt die Ukraine momentan über keine finanziellen Ressourcen zur Wiederaufnahme von Gaslieferungen. Wir unterhalten direkte Kontakte zur Leitung der NАК Naftogaz of Ukraine — diese Gesellschaft ist unsere Vertragspartei. Es gibt finanzielle Probleme. Deswegen können wir leider nicht erwarten, dass die Ukraine in den allernächsten Tagen die Lieferungen wieder aufnehmen wird.

Ich glaube, als optimistisches Szenario können wir davon sprechen, dass die ukrainische Seite die Finanzierungsprobleme im Verlaufe des Monats September lösen wird. Dabei gibt es selbstverständlich gewisse Risiken. Weshalb? Weil gegenwärtig Gas in ukrainische Untergrundspeicher eingespeichert wird. Laut operativen Angaben sind in die UGS der Ukraine 14,4 Milliarden Kubikmeter Gas eingepumpt worden. Das Tagesvolumen der Einspeicherung, das die Ukraine durch eigene Förderung und geringfügige Mengen aus Reverselieferungen sicherstellt, reicht nicht aus, um zum Beginn der Ausspeicherungsperiode ein Einspeicherungsvolumen von 19 Milliarden Kubikmeter Gas zu erzielen. Gerade dieses Volumen — 19 Milliarden Kubikmeter Gas in den Untertagespeichern der Ukraine— garantiert indes stabile, sichere Gasversorgung der Verbraucher in Europa und problemfreie Bewältigung der Herbst- und Winterperiode durch die Verbraucher in der Ukraine selbst.

Deswegen stellen wir fest, dass die Ukraine ohne zusätzliche Gasmengen – und diese zusätzlichen Gasmengen können nur aus Russland, nur von der Gazprom kommen ‑ nicht in der Lage sein wird, in ihre UGS 19 Milliarden Kubikmeter Gas einzuspeichern.

Frage: Die sagten aber, sie würden Gas über Europa einkaufen.

Alexey Miller: Was dieses „über Europa“ angeht, so sollten wir begreifen, dass dies gleichfalls russisches Gas ist. Gas aus Reverselieferungen gelangt ebenfalls als russisches Gas in die Ukraine. Die wichtigste Frage ist jedoch die Finanzierung. Wenn wir von Energiesicherheit, Zuverlässigkeit und Stabilität der Gaslieferungen nach Europa und in die Ukraine im bevorstehenden Winter sprechen, sind sicherlich finanzielle Ressourcen der Schlüssel zur Lösung dieses Problems.

Frage: Wird es Ihrerseits Zugeständnisse geben?

Alexey Miller: Wissen Sie, wir gehen strikt nach Vertrag vor. Der Preis wird mit einer Formel errechnet. Der Vertrag sieht die Möglichkeit eines Rabatts vor. Rabatt wird auf Kosten der Zollgebühren durch einen Beschluss der Regierung der Russischen Föderation gewährt. Die Preise werden, wie Sie wissen, je Quartal errechnet, demnach kann auch Rabatt je Quartal gewährt werden. Zumal wir sehen, wie hoch die Volatilität der Preise auf den Energiemärkten momentan ist. Deswegen hat die russische Regierung die Entscheidung hinsichtlich des Rabatts auf den Preis für das dritte Quartal zwar gefasst, doch die Ukraine ist leider nicht einmal in der Lage, diese Vergünstigungen in Anspruch zu nehmen, da ihr gegenwärtig selbst dieses Geld fehlt.

Hinsichtlich des 4. Quartals beobachten wir beim Gaspreis eine sinkende Tendenz. Als Prognose schätzen wir den Preis nach der Formel für die Ukraine für das vierte Quartal auf 252 Dollar. Wir werden uns selbstverständlich auch an den Preisen in den angrenzenden europäischen Ländern orientieren. Was für ein Rabatt gewährt werden kann, lässt sich momentan, ich will es unterstreichen — unter den Bedingungen hoher Volatilität, im Grunde genommen noch nicht sagen. Doch zum Moment des Lieferstarts im vierten Quartal wird diese Entscheidung seitens Russlands getroffen sein.

Frage: Zum Export nach Europa. Was machte er im August aus?

Alexey Miller: Im August betrug der Export der Gazprom Gruppe an Handelsgas ins ferne Ausland laut operativen Angaben 13,8 Milliarden Kubikmeter, das sind 23,2 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2014. Wir sehen, dass die Nachfrage nach russischem Gas in Europa zunimmt, und zwar in beachtlichem Tempo. Dies ist für uns selbstverständlich erfreulich.

Frage: Können Sie etwas zum dreiseitigen Gasabkommen Ukraine-Russland-EU sagen?

Alexey Miller: Hinsichtlich des Formats dreiseitiger Abkommen sollten wir als erstes unterstreichen, dass dieses Format auf Initiative des Präsidenten der Russischen Föderation, Vladimir Putin, geschaffen wurde. Hauptziel dieses Formats besteht darin, Finanzierungsquellen für Gaseinkäufe durch die Ukraine zu finden. In der Tat hat sich in der Zeit seit dem Moment der Initiative unseres Präsidenten im vorigen Jahr nichts geändert. Das Problem besteht nach wie vor. Dies ist eigentlich das größte, das einzige Problem für Gaslieferungen in die Ukraine. Wenn wir also von einem dreiseitigen Abkommen sprechen, so ist es wahrscheinlich allein in dem Falle zweckdienlich, wenn die EU-Kommission als Vertragspartei exakte Verpflichtungen zur Organisation der Finanzierung von Gaseinkäufen durch die Ukraine übernimmt.

Frage: Das heißt, wenn Geld da ist, gibt es auch ein Abkommen?

Alexey Miller: Wenn Verpflichtungen da sind — selbstverständlich. Wenn es ein dreiseitiges Abkommen ist, setzt es eine Absprache aller Parteien voraus.

Frage: Sie sagten aber einmal, der Vertrag wäre zuverlässiger.

Alexey Miller: Wir sprachen nicht davon, dass der Vertrag zuverlässiger sei, sondern davon, dass die Konditionen — die kommerziellen Konditionen der Lieferungen — durch den Vertrag definiert wären. Gegenwärtig werden alle — sowohl die kommerziellen als auch die preislichen und die technologischen — Konditionen durch den Vertrag und die Ergänzungen zum Vertrag geregelt. Es ist im Grunde genommen nicht erforderlich, irgendwelche anderen Dokumente zum Vertrag zu unterschreiben.

Was aber das Abkommen anbetrifft, ich unterstreiche — das Abkommen, wie es Ende Oktober vorigen Jahres unterschrieben wurde, so zielte es darauf ab, der Ukraine finanziellen Beistand zu gewähren, der NАК Naftogaz of Ukraine, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befindet, zu helfen.

Deswegen ist die Europäische Kommission eine Partei bei diesen Konsultationen. Wenn vom Abkommen die Rede ist, so ist es in dem Falle sinnvoll, wenn die Europäische Kommission konkrete, exakte Verpflichtungen zur Organisation der Finanzierung für Gaseinkäufe durch die Ukraine übernimmt.